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Alfred Adler, seine (unsere) Geschichte und sein Vermächtnis

Die Geschichte der Individualpsychologie beginnt 1902, als Sigmund Freud eine Gruppe von Wiener Ärzten einlädt, um mit ihnen jeden Mittwochabend über seine wissenschaftlichen Arbeiten zu diskutieren. Alfred Adler ist Teilnehmer der ersten Stunde, engagiert und neugierig auf eine neue Gedankenwelt. In den folgenden Jahren, in denen die Gruppe beständig wächst, wird lebendig über Krankheitsfälle sowie psychologische und gesellschaftliche Themen diskutiert. Auf diesem Weg soll die von Freud geschaffene psychoanalytische Theorie bestätigt und erweitert werden. Wir würden heute von einem „Resonanzraum“ sprechen, den Freud sich durch die Mittwochsgesellschaft geschaffen hat.

Nach neun gemeinsamen Jahren mit zeichnet sich ab, dass Alfred Adler eigenständige Ideen entwickelt, die etwas Neues in den Kreis hineintragen: Hauptmotiv sei nicht der Triebkonflikt, sondern das grundlegende Bedürfnis des Menschen, sich in der Welt sicher und aufgehoben zu fühlen. Die Erfahrung von Kleinheit und Hilflosigkeit und das Streben nach Stärke, Erfolg und Vollkommenheit, verbunden mit Gefühlen von Stolz und Freude, das ist für Adler das Koordinatensystem menschlicher Entwicklung und Selbstwertsicherung. Adler spricht von einem menschlichen Bewegungsgesetz, einer unbewussten Leitlinie, die uns vom Minus zum Plus streben lässt. Ein Übermaß an Ohnmachtserfahrung, Kränkung und Verletzung führt nach Adler zu einem Übermaß an Sicherungsbedürfnis, von unerträglichen Minderwertigkeitsgefühlen zu Sicherheit spendenden Überlegenheitsfantasien. Er formuliert: Neurose ist in erster Linie Sicherung. Adler hat damit eine neuartige Theorie der Selbstwertregulation geschaffen, Vorläufer der heutigen Narzissmustheorien. Er öffnet einen neuen Blick auf das von Freud postulierte unbewusste, wie Rainer Schmidt, Ehrenvorsitzender und langjähriger Leiter unseres Instituts und ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie, an dieser Stelle einst geschrieben hat.

Freud ist verwirrt und ärgert sich über Adlers Ausführungen. Er wirft ihm vor, dass er sich nicht auf seine bereits bestehende Theorie beziehe. Man diskutiert. Schließlich kommt es in der Mittwochsgesellschaft zu Machtkämpfen, die mit dem Auszug Adlers und einiger seiner Anhänger enden. Adler nennt seine neue Gruppe: „Verein für freie psychoanalytische Forschung“. Später gibt er seiner neuen Richtung der Namen „Individualpsychologie“, um den Triebschicksalen Freuds das Schicksal des Individuums in seinen sozialen Bezügen entgegenzustellen.

Adler hat in der gemeinsamen Zeit mit Freud weitere Ideen entwickelt. So spricht er zum Beispiel vom Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes, hat also im Blick, was für uns heute selbstverständlich ist: Dass der Säugling, auch von seiner neurologischen Ausstattung her, vom ersten Augenblick seiner Existenz auf seine Mitwelt ausgerichtet ist. Adlers Interesse gilt unserer inneren Welt mit Vorstellungen über sich selbst, die anderen Menschen und die Welt. Er nennt diese Hilfskonstruktionen „Fiktionen“, die Kern dessen sind, was wir heute als „Selbst- und Objektrepräsentanzen“ und als „inneres Arbeitsmodell“ bezeichnen.

Später formuliert Adler erste psychosomatische Gedanken, indem er vom „Organdialekt“ spricht. Der Körper habe einen „modus dicendi“, also eine Art zu sprechen, bestimmten seelischen Zuständen Ausdruck zu verleihen. Und letztlich hat Adler ein in der traditionellen Psychoanalyse leider oft vernachlässigtes Thema bearbeitet: Die Geschwisterbeziehung beziehungsweise die Position in der Geschwisterreihe, die einen bedeutenden Einfluss auf die kindliche Entwicklung hat und spätere Beziehungsgestaltungen maßgeblich beeinflusst. Ungewöhnlich ist in der damaligen Zeit sein Einsatz für die Gleichberechtigung von Mann und Frau und den Abbau festgefügter, die individuelle Entwicklung behindernder Rollenschemata.

In der Trennung von Freud sieht Adler eine Chance, seine eigenen Ideen weiterzuentwickeln und in die Tat umzusetzen. Das geschieht im sogenannten Roten Wien, in dem nach dem Zusammenbruch des österreichischen Kaiserreiches sozialdemokratische Politiker eine neue, den Menschen zugewandte Politik zu verwirklichen suchen: Wohnungsbau, eine neue, auf demokratischer Grundlage fußende Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik. Adler und seine Gruppe mischen sich ein, halten Vorträge und öffentliche Beratungen, gründen psychologische Beratungsstellen und widmen sich dabei insbesondere der Pädagogik als Vorfeld psychotherapeutischer Maßnahmen. Auch außerhalb Österreichs gründen sich zahllose individualpsychologische Arbeitskreise und Initiativen. Es entsteht ein internationales Netz.

Nach den Verheerungen und dem Kulturbruch durch Naziherrschaft und Weltkrieg waren Psychoanalyse und Individualpsychologie in den deutschsprachigen Gebieten fast gänzlich verschwunden. Viele jüdische Kolleginnen und Kollegen waren umgebracht worden, andere hatten es geschafft, dem Naziterror durch Emigration zu entkommen. Einige wenige, die nicht unter dem Rassenwahn zu leiden hatten, setzten ihre Arbeit fort – ohne die Namen der Gründer und der von Ihnen gegründeten Schulen nennen zu dürfen. Freuds und Adlers Bücher fielen den Bücherverbrennungen zum Opfer.

Später als die Psychoanalyse erwachte die Individualpsychologie in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu neuem Leben. Emigrierte und Daheimgebliebene gaben erste Kurse und stießen auf reges Interesse. Es wurden Ausbildungsinstitute für Ärzte, Psychologen und Angehörige pädagogischer Berufe gegründet, die nach vielen Jahren von Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen Anerkennung fanden. Das Psychotherapeutengesetz verschaffte unseren Psychologinnen und Psychologen und Pädagoginnen und Pädagogen die Basis für eigenverantwortliches psychotherapeutisches Arbeiten. Auch die psychoanalytischen Dachverbände hatte uns, je nach Blickwinkel, als Verstoßene oder Abtrünnige wieder in ihre Reihen aufgenommen. Eine insgesamt freudige Entwicklung.

Psychoanalyse und Individualpsychologie haben sich nach dem Tod ihrer Gründer in großen Schritten weiterentwickelt. Wir, die Mitarbeiter des Alfred-Adler-Instituts Aachen-Köln, sehen es als Adlers Vermächtnis an, die Idee der freien Psychoanalyse weiterzutragen und unseren Studierenden die Vielfältigkeit psychoanalytischen Denkens und Arbeitens nahezubringen. Zweites Anliegen ist es, eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts zu schaffen, in dem Miteinander-Lernen gedeihen kann. Gleichwertigkeit nannten Adlers Nachfolger eine solche Haltung, die helfen soll, ungebührliche Macht und Machtmissbrauch vermeidbar zu machen, ein Herzensanliegen Alfred Adlers.

„Was wir brauchen, ist mehr Gemeinschaftsgefühl“, hatte Adler nach den Gräueln des Ersten Weltkriegs formuliert – ein Satz, der immer noch aktuell ist.